Merema

© Andrey Trifonov

Merema sind auf einer auf einer Mission: Sie wollen die aussterbenden Sprachen ihrer Heimat Mordwinien retten! Die Frage ist erlaubt: Wo liegt denn Mordwinien? Gar nicht mal so weit von Westeuropa entfernt, und zwar zwischen Moskau und der Wolga. Den Fußball-Fans unter uns wird vielleicht die Hauptstadt Saransk ein Begriff sein, einer der Austragungsorte der Fußball-WM in Russland im Jahr 2018.

Das derzeit sechsköpfige Folk-Ensemble Merema wurde bereits im Jahr 2010 in Saransk gegründet und hat sich in den folgenden Jahren immer ambitioniertere Ziele gesetzt. Die Mitglieder um „Chefin“ Ekaterina Modina bezeichnen Merema inzwischen als „ethnographisches Folklore-Studio“. Die Mitglieder betreiben Feldstudien in den mordwinischen Dörfern und wollen so die Traditionen ihrer Heimatregion bewahren.

Laut Wikipedia sind die Mordwinen ein finnisch-ugrisches Volk, das stärker als andere Ethnien in Russland einem großen Assimilierungsdruck durch die russische Bevölkerungsmehrheit ausgesetzt war und ist. Bei der Volkszählung im Jahr 2010 bekannten sich nur noch rund 40 Prozent der Einwohner zur mordwinischen Nationalität. Russen stellen die Bevölkerungsmehrheit dar und leben insbesondere in den großen Städten wie Saransk. Und um es noch komplizierter zu machen: Die mordwinische Bevölkerung besteht aus zwei ethnographischen Gruppen, von denen jede ihre eigene Schriftsprache hat. Diese beiden Gruppen heißen Ersja und Moksch.
In dieser Situation reisen Merema (übersetzt bedeutet das übrigens Legende) quer durch ihre Heimat und suchen nicht nur nach alten Volksweisen, sondern auch nach volkstümlicher Kunst und alten Trachten. Selbstverständlich treten sie auch in diesen alten Trachten auf!
„Viele Menschen in unserer Heimat beherrschen die alten Sprachen nicht mehr. Reste erhalten sich höchstens noch in den Dörfern“, berichtet Ekaterina Modina. Jungen Leuten ist die Herkunft aus der Region Mordwinien heutzutage peinlich. Und deshalb bezeichnen sie sich als Russen.
Merema wollen das Verschwinden der volkstümlichen Traditionen nicht hinnehmen. Sie treten mit ihren Liedern in Kindergärten und Schulen auf. „Es wird aber immer schwieriger, junge Menschen für diese Art der Musik zu interessieren“, klagt Modina. Ein Grund hierfür mag der traditionell polyphone Musikstil der mordwinischen Volkslieder sein, der nicht immer sehr harmonisch klingt. Der mehrstimmige Gesang ist für junge Menschen, die hauptsächlich HipHop oder Rock hören, zunächst gewöhnungsbedürftig. Um anderen einen Zugang zu ihren Wurzeln zu ermöglichen, verbinden Merema ihre Musik häufig mit Theaterstücken. „Ich selbst könnte dem Gesang der mordwinischen Großmütter natürlich stundenlang lauschen“, sagt Modina lachend. Inzwischen setzen Merema auch auf die Zusammenarbeit mit einem lokalen Fernsehsender, der sie mit einem Team bei ihren Expeditionen auf Spurensuche in die Dörfer Mordwiniens begleitet.
Als Musikinstrumente dienen Merema handelsübliche russische Küchen-Utensilien. Die traditionellen Trommeln werden im Land selbst nicht mehr hergestellt. „Man kann bei uns afrikanische Trommeln kaufen, aber nicht unsere eigenen“, berichtet Modina.
Bei Merema selbst herrscht ein ständiges Kommen und Gehen der Mitglieder. Das Ensemble erhält keinerlei staatliche Unterstützung. Zum großen Teil engagieren sich Studenten, die nach dem Studium häufig in anderen Landesteilen arbeiten. Ekaterina Modina selbst finanziert sich durch ihre Tätigkeit an der Universität, benötigt zum Ernähren ihrer Familie noch mehrere Nebenjobs. Ein Erfolgserlebnis können Merema aber für sich verbuchen: Sie haben im Jahr 2017 den renommierten Russischen World Music Award gewonnen.

„Kezeren Koiht“ (Alter Brauch) versammelt zahlreiche traditionelle Volksweisen aus Mordwinien, die von Merama neu arrangiert wurden. Um was geht es hier? Vor allem darum, das Leben zu feiern! Merema überraschen gleich im ersten Track „Our Beloved Guests“ mit einer gut gelaunten Volksweise über die Wichtigkeit der Gastfreundschaft. Hoch die Tassen also!
In „Gorkina Anastasia“ wird es dagegen ziemlich gruselig: Einer jungen Witwe gelingt es gerade noch, sich dank göttlicher Hilfe aus dem Klauen einer bösen „Schwester“ zu befreien, die eigentlich eine Massenmörderin ist und ihr Haus mit Körperteilen ihrer Opfer dekoriert.
In „Alesha, Son Of An Old Lady“ muss sich ein hübscher junger Mann damit abfinden, dass ihm wohl nichts anderes übrig bleibt, als auf Abenteuerfahrt zu gehen. Denn die ihm anvertrauten Schimmel haben sich einfach selbständig gemacht und sind in ferne Lande davongezogen.
In „Yakova Daryushka“ geht es dagegen um ein aufmüpfiges Mädchen, das offenkundig zu unternehmenslustig ist und viel zu lange von zuhause wegbleibt. Klar, dass das kein gutes Ende nehmen darf!

In „Kezeren Koiht“ laden Merema dazu ein, die spannende Tradition der Volksmusik Mordwiniens zu entdecken. Es lohnt sich unbedingt!

Discografie

  • Kezeren Koiht

    Kezeren Koiht

    Erscheinungsjahr: 2020

    Katalognummer: CPL046

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